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Rahmenkonzept für die Bibliotheksentwicklungsplanung Berlin

Kommentierung und Diskussion

Die Beteiligung ist aktuell nicht möglich. Sie hat am geendet.
Kommentierphase
Kommentieren von Text und einzelnen Absätzen. Um eine breitere öffentliche Diskussion des Rahmenkonzepts zu ermöglichen, wird der Beteiligungszeitraum für die Kommentierung und Diskussion um zwei Wochen, bis einschließlich 11. Oktober 2020, verlängert.

Sechs Leitideen für zukunftsfähige Öffentliche Bibliotheken in Berlin

Die im Folgenden dargestellten Leitideen für eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind als Vision zu verstehen: Jede Leitidee beschreibt einen spezifischen Aspekt, in welche Richtung sich die Berliner Öffentlichen Bibliotheken entwickeln möchten und was sie erreichen wollen.[34]

Die Leitideen bauen auf den programmatischen Zukunftsideen der Berliner Bibliotheksmitarbeitenden und Nutzenden, den Ergebnissen der fachlichen Arbeitsgruppen und Initiativgruppen aus dem Beteiligungsprozess, programmatischen Vorarbeiten im VÖBB[35] und der bibliotheksfachlichen Diskussion auf. Sie spiegeln zum Teil auch die gesellschaftlichen Megatrends, mit denen sich die Öffentlichen Bibliotheken Berlins schon heute auseinandersetzen.

 

Leitidee 1: Willkommensort, Dritter Ort und sicherer Ort

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind Orte, an denen jeder Mensch gleichermaßen willkommen ist. Sie sind so attraktiv, dass sie von allen gerne aufgesucht werden. Sie sind inklusiv und fördern die soziale Integration in der diversen und sich schnell wandelnden Stadt Berlin. Sie bieten allen Nutzerinnen und Nutzern einen sicheren Ort, an dem sie geschützt sind.

Die Angebote der Bibliotheken sind kostenfrei und barrierefrei zugänglich. Den Nutzenden werden möglichst lange Öffnungszeiten angeboten – als betreute Öffnungszeiten, als Open Library, als neue Öffnungsmodelle wie die Sonntagsöffnung.

In den Bibliotheken finden Junge und Ältere, Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Studierende, Berufstätige und Menschen nach der Berufsphase, Analphabet*innen und Akademiker*innen, Alteingesessene und Neubürger*innen, Freizeitsuchende und Aktivist*innen die für sie attraktiven Medien, Beratung, Aktivitäten. Die Bibliotheken bieten zwanglose Aufenthaltsmöglichkeiten für unterschiedliche Bedürfnisse von Einzelbesuchenden und von Gruppen – vom lebhaft-kommunikativen offenen Bereich bis zum ruhigen Leseraum.

Im Sinne der Idee des Dritten Ortes sind die Berliner Bibliotheken einladende Orte für alle, für informelle Begegnungen im öffentlichen Raum, nicht-kommerziell und ohne Konsumzwang. Die Bibliotheken sind in diesem Sinne „Wohnzimmer“ der Stadtgesellschaft mit hoher Aufenthaltsqualität. Sie bieten einzelnen Personen, aber auch Gruppen wie Nachbarschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen und Vereinen sowie kulturschaffenden Kollektiven einen geschützten Raum und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Leitidee 2: Ort der lebenslangen Bildung und Ort der digitalen Teilhabe

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind ein wichtiger Teil der Bildungslandschaft und tragen zum Ziel 4 der Agenda 2030 der Vereinten Nationen[36] bei, eine inklusive, gerechte und hochwertige Bildung zu gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle zu fördern.

Sie unterstützen mit ihrer Arbeit das selbstorganisierte Lernen der Berlinerinnen und Berliner. Sie ergänzen das Angebot der frühkindlichen Bildung und der formalen Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen – Schulen, Berufsschulen, Hochschulen und Volkshochschulen – um ein umfangreiches und ohne formale Voraussetzungen zugängliches, kulturell und politisch allgemeinbildendes sowie persönlich und beruflich fortbildendes Angebot. In ihnen bilden sich Menschen individuell und in Gruppen fort, vom klassischen Lern- und Hausaufgabenteam mit Schülerinnen und Schülern bis zum kreativen B2B (Business-to-Business) Wissenstausch der Berliner Start-up-Szene.

Die höchste Priorität für Beratungs- und Unterstützungsleistungen der Bibliotheken haben die Vermittlung von Lese-, Medien- und Informationskompetenz und das digitale Empowerment. Hier arbeiten die Öffentlichen Bibliotheken auf der Basis berlinweit verbindlicher Formate, nach definierten output-orientierten Standards und mit Hilfe eines zentralen Medienpools. Für die kompetente Vermittlungsarbeit bilden sie ihre Mitarbeitenden regelmäßig fort. Sie arbeiten eng mit der Senatsverwaltung für Bildung und dem Medienforum sowie mit Bildungseinrichtungen, Expertinnen und Experten sowie Freiwilligen zusammen.

Im Bereich der digitalen Teilhabe existieren enge Kooperationen mit kompetenten Akteurinnen und Akteuren, Institutionen und Verbänden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Eine gemeinsame Plattform der Berliner wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sorgt für Transparenz und die Nutzung von Synergien des gesamten Angebots der Digital Literacy. Die digitale Infrastruktur und die digitalen Angebote befinden sich auf einem aktuellen technologischen Stand.

Auch im Bereich von Citizen Science und Crowdsourcing Projekten arbeiten die öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken zusammen und ermöglichen interessierten Bürgerinnen und Bürgern die Arbeit an Forschungsfragen gemeinsam mit wissenschaftlich Forschenden.

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins folgen einem ganzheitlichen Bildungsverständnis und sind offen für unterschiedliche Formate und Medien der Selbstbildung. Kulturelle Bildung wie auch kulturelle und künstlerische Arbeitsformen haben einen festen Platz.

Die Bibliotheken sehen auch spielerische (Games, Escape-Rooms) und kompetente handwerkliche Formate (Makerspaces, Repair-Cafés, Urban Gardening etc.) als Wege zur Kompetenzentwicklung und Bildung für Menschen.

Sie verstehen sich als Arbeits- und Lernorte, als Ideenwerkstätten, öffentliche Think Tanks, Informations- und Fortbildungsorte sowie als Orte der kulturellen und künstlerischen Inspiration wie auch Produktion.

Häufige Themen des lebenslangen Lernens in Bibliotheken sind auch die Fragen, die durch einen veränderten gesellschaftlichen Alltag entstehen, wie der Umgang mit kultureller Diversität, die klimafreundliche und nachhaltige Änderung der eigenen Lebensweise, der gezielte Austausch zwischen Generationen und nicht zuletzt der Umgang mit und der persönliche Schutz in der digitalen Welt. Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins bieten hierfür Medien und Räume an. Sie geben zusammen mit kompetenten Kooperationspartnern Impulse.

 

Leitidee 3: Ort für Aktivität, Vernetzung, Beteiligung und informierte Demokratie

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind Orte der aktiven Stadtgesellschaft und werden von ihr geprägt.

Bürgerinnen und Bürger nutzen sie für ihre aktive Bildungs- und Freizeitgestaltung und als Treffpunkt. Gesellschaftliche Gruppen und Initiativen nutzen sie als Ort der Information und Vernetzung sowie für Veranstaltungen. Kreative, Gründerinnen und Gründer nutzen sie als Ort der Information und Inspiration und um ihre Ideen und ihr Wissen zu teilen.

Die Entwicklung der Bibliotheken als Ort wie auch ihrer Angebote erfolgt partizipativ. Die Nutzerinnen und Nutzer und auch Anwohnerinnen und Anwohner werden durch zielgruppenorientierte und niedrigschwellige Angebote beteiligt. Die Bibliotheken orientieren ihr Medien-, ihr Beratungs- und ihr Veranstaltungsangebot an den Bedürfnissen ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Sie bieten ihnen Raum und Unterstützung für Selbstorganisation und für eigene Angebote.

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind professionelle Netzwerkakteurinnen. Sie bauen systematisch und nachhaltig Netzwerke und Kooperationen in ihren Bezugsräumen auf und unterstützen andere bei der Bildung von Netzwerken. Sie suchen bei ihren eigenen Beratungs- und Veranstaltungsangeboten aktiv die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, den gesellschaftlichen Gruppen, Initiativen und Freiwilligen.

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind Orte der informierten Demokratie. Sie sehen sich der Vermittlung und Stärkung von politischen Kompetenzen sowie der politischen Meinungs- und Bewusstseinsbildung und auch der Beteiligung verpflichtet.

Sie beobachten die Themeninteressen ihrer Nutzenden und reagieren darauf mit gezielten Informations- und Veranstaltungsangeboten. Sie arbeiten bei eigenen Angeboten mit medien- und politikpädagogischen Einrichtungen zusammen, etwa der Berliner Landeszentrale für politische Bildung und den zahlreichen Trägern politischer Bildung in Berlin.[37] Sie begleiten und fördern Beteiligungsprozesse zur Stadtentwicklung mit passenden Informationspaketen, Räumen und Veranstaltungen und arbeiten hierfür mit den beteiligten Senatsverwaltungen zusammen.

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins unterstützen besonders die Arbeit von Kinder- und Jugendparlamenten und von Beteiligungsprojekten für Kinder und Jugendliche. Sie sind Orte der U-18-Wahlen.

 

Leitidee 4: Ort der hochwertigen Medienvielfalt und der vielfältigen Angebote

Das Angebot der Öffentlichen Bibliotheken Berlins zeichnet sich durch Qualität und Vielfalt aus und bietet den Bürgerinnen und Bürgern umfassende Möglichkeiten der Mediennutzung, Information und Bildung, die sie im privaten Rahmen nicht finanzieren und vorhalten könnten. Sie sichern damit auch das Recht auf freie Information gemäß Art. 5.1 im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

Das Angebot der Öffentlichen Bibliotheken Berlins umfasst

  • digitale Infrastruktur und digitale Medien auf aktuellem technischem Stand
  • Räumlichkeiten: Lesebereiche, Arbeitsplätze, Veranstaltungsräume und Aufenthaltsbereiche sowie besondere Funktionsbereiche, z.B. Makerspace, Labor
  • digitale und physische Entleihmedien
  • besondere Entleihmedien, z.B. Bibliothek der Dinge, Spiele, Kunstwerke, Musik
  • Vermittlung und Beratung durch das Bibliotheksteam
  • Veranstaltungen und Mitmachprojekte der Bibliothek und gemeinsam mit Kooperationspartnern
  • aufsuchende Bibliotheksarbeit: Fahrbibliotheken und andere mobile Angebote, Projekte für bestimmte Zielgruppen
  • Bürger*innenberatung – Informations- und Beratungsangebote des Bezirks oder des Landes Berlin, z.B. für Neubürgerinnen und Neubürger

Alle Angebote sind leicht zugänglich, sowohl durch wohnortnahe barrierefreie Räume und adäquate, barrierefreie Leit- und Orientierungssysteme als auch durch einen digital barrierefreien Onlinekatalog und Plattformen, die die Bedürfnisse und Fähigkeiten der verschiedenen Nutzergruppen berücksichtigen. Darüber hinaus wird eine leichte Zugänglichkeit durch geringe Sprachbarrieren und eine inklusive Willkommenskultur für alle hergestellt.

Die Bibliotheken überprüfen ihr Angebot regelmäßig auf Aktualität und Interesse der Nutzerinnen und Nutzer. Sie entwickeln ihr Portfolio an Entleihmedien entsprechend den unterschiedlichen und sich verändernden Ansprüchen ihrer Nutzerinnen und Nutzer.

 

Leitidee 5: Bibliotheken als Akteure für Nachhaltigkeit und Klimaschutz

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins leisten einen aktiven Beitrag zur Erfüllung der 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung und nehmen deutschlandweit eine Vorreiterrolle für die konsequente Ausrichtung der bibliothekarischen Arbeit an sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ein.

Eine Grundidee Öffentlicher Bibliotheken ist die nachhaltige Mediennutzung.  Anfänglich ging es um die Entleihung von Medien aller Art, mittlerweile verleihen Bibliotheken Dinge des alltäglichen Gebrauchs und sind dadurch wichtige Akteure in der Sharing Economy.

Die Öffentlichen Bibliotheken Berlins sind als breitenwirksame Kultur- und Bildungseinrichtungen relevante Akteure für die Erfüllung der UN-Agenda-Ziele. Ihr Kernauftrag, der Bevölkerung einen freien Zugang zu Informationen zu gewährleisten und zu vermitteln, ist eng mit den Agenda-Zielen verknüpft. Sie tragen aufgrund ihres Auftrags als Informations- und Wissensvermittler per se mit ihren Angeboten zur Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele bei.

Ob durch Vorlesestunde eines Bilderbuchs zum Thema „sauberes Wasser“ für Kleinkinder, durch Seniorenkurse zur Nutzung digitaler Endgeräte, um diesen den digitalen Informationszugang zu erklären, eine Diskussionsveranstaltung zum Klimawandel oder eine Ausstellung zum Thema Gleichberechtigung – alle diese täglichen Arbeiten aus dem breiten Angebot der Öffentlichen Bibliotheken Berlins tragen zur Erfüllung der 17 Ziele bei. Sowohl bei Neubauprojekten als auch bei der Ausstattung von Bibliotheksstandorten spielt die Umsetzung der Idee der „Grünen Bibliothek“ eine zentrale Rolle. Samentauschbörsen, Urban Gardening, Repair Cafés und Do-It-Yourself Angebote gehören zur Angebotspalette der Berliner Bibliotheken.

Die Berliner Öffentlichen Bibliotheken verstehen sich als aktive Partner in der (Umwelt-)Bildung, bei der Schaffung innovativer Lernorte und der nachhaltigen Entwicklung von Kommunen und Regionen und sie übernehmen eine wichtige Rolle als Akteur bei der Bewältigung der Klimakrise.

 

Leitidee 6: Berliner Bibliotheken – gemeinsam stark

Berlin zeichnet sich durch eine vielfältige und vernetzte Bibliothekslandschaft aus. Wissenschaftliche, öffentliche sowie Spezialbibliotheken haben diverse Schnittstellen, die sie gemeinsam, kooperativ und effektiv nutzen. In zahlreichen Bereichen arbeiten die Berliner Bibliotheken eng zusammen und betreiben hierfür gemeinsame Plattformen.

Auf der Ebene der Öffentlichen Bibliotheken Berlins verfügt der Verbund (VÖBB) über eine leistungsfähige Organisation und erledigt mit dieser alle Aufgaben, die gemeinsam wirtschaftlicher zu erfüllen sind als auf Ebene der bezirklichen Stadtbibliotheken bzw. der ZLB. Das Land Berlin, die Berliner Bezirke und die ZLB arbeiten im VÖBB auf der Grundlage gemeinsamer Ziele und Standards und Verfahren zusammen. Die ZLB wirkt dabei als Innovationszentrum, das für alle am Verbund beteiligten Bibliotheken Services übernimmt sowie Aufgaben der Trendbeobachtung und der Entwicklung und Erprobung neuer Angebotsformate wahrnimmt.

Innerhalb der einzelnen und zwischen den verschiedenen bezirklichen Stadtbibliotheken sowie zwischen bezirklichen Stadtbibliotheken und der ZLB und im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins besteht eine intensive und verlässliche Zusammenarbeit. Neue Netzwerk-, Informations- und Teamstrukturen sind VÖBB-weit auf- und ausgebaut und bieten Möglichkeiten des Experimentierens.

Die Abstimmung zwischen den Bibliotheken nutzt Synergiepotenziale, unterstützt sinnvolle Arbeitsteilungen und erleichtert die Herausbildung von spezialisierten Profilen. Die Profilbildung ermöglicht intensive Win-Win-Partnerschaften mit externen Kooperationspartnern, z.B. in den Bereichen Literatur/Schriftsteller*innen oder Digital Literacy/Digitalexpert*innen.

Ein effizientes Transportsystem ermöglicht es den Bibliotheken, für ihre Nutzenden spezielle Profile am einzelnen Standort mit dem Zugriff auf das Gesamtangebot des VÖBB zu verbinden.

Die Gemeinsamkeit der Berliner Öffentlichen Bibliotheken stärkt die Nutzung der vielfältigen Potenziale, die in den einzelnen Bibliotheken vorhanden sind. Sie ist mit einer starken Corporate Identity nach innen und nach außen verbunden. Sie vermittelt die Stärke und Breite des Bibliothekssystems der Metropole Berlin.

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[34] Abgesehen von einzelnen Beispielen und Entwicklungen, die in Ansätzen bereits begonnen haben, fokussieren die sechs Leitideen mögliche und gewünschte Entwicklungen für die Zukunft und formulieren diese als Zielzustand.

[35] Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten / Bezirksstadträt*innen für Kultur / ZLB: Strategiepapier: Attraktive Bibliotheken für die Metropole Berlin, 2015. Ständige Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Öffentlichen Bibliotheken Berlins: Arbeitspapier zur Weiterentwicklung der strategischen Handlungsfelder des VÖBB, 2018.

[36] https://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals, Zugriff am 20.05.2020.

[37] Träger politischer Bildung in Berlin: https://www.berlin.de/politische-bildung/politikportal/traeger-politischer-bildung, Zugriff am 25.04.2020.