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Lebensverhältnisse dürfen sich nicht massiv verschlechtern

 Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum, keine Frage. Der Senat hat allerdings mit seiner Auflage von 194.000 Wohnungen bis 2030 den Wohnungsbauunternehmen / -gesellschaften / -genossenschaften eine ordentliche Last aufgetragen, die jetzt auf die Kiezbewohner abgewälzt werden soll. Das hat Unmut in die Großstadtbewohner mindestens einiger Stadtbezirke verlaut werden lassen. Denn so mancher schaut plötzlich in seinem bis dato beschaulichen Innenhof des Mieterkarrees auf eine riesige Baugrube. In die wird – ob man es als Anwohner will oder nicht – ein Hochhaus gesetzt. Denn wir stapeln jetzt hoch, wo horizontal kein Platz mehr vorhanden ist, jedenfalls kein günstiger. Ob wir das mit den Autos auch so handhaben sollten bei der nun folgenden Parkplatzmisere, um die sich die Wohnungsbauer nicht zu scheren brauchen? Nein, natürlich nicht, und auch die Straßen können wir größtenteils gar nicht mehr breiter machen, weil die Ränder schon zugebaut sind.

Hier muss die Politik mehr Weitblick schweifen lassen, der uns angesichts der „Blöcke vor dem Kopf“ verloren gegangen scheint. Es darf nicht zugelassen werden, dass auf Teufel komm raus gebaut wird, wo wir zuvor zufriedene Mietgegenden hatten. Hier gräbt sich die Politik ihr eigenes Grab und macht falsche Wahlpolitik. Denn wachsende Unzufriedenheit ist keine gute Wahlwerbung, das merken wir ja schon an der letzten Bundestagswahl. Die Bürger vor vollendete Tatsachen zu stellen in der Meinung, alles richtig gemacht zu haben, ist alles andere als demokratisch.

Wir sollten also Mieter und Wohnungsbauunternehmen kompromissbereit zusammenkommen lassen und auf Bedarfe und Bedenken Rücksicht nehmen. Das ist nicht allein in den einzelnen Bezirksverordnetenversammlungen zu bewältigen, sondern muss von Seiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geschehen.

Ja, wir werden in 30, 60, 100 Jahren auch noch Wohnungen brauchen. Das ist der Trend bei einem großen Bevölkerungswachstum und unbegrenztem Zuzug. Zum Glück haben wir vor Hunderten von Jahren sehr weitsichtige bzw. kluge Städtebauer gehabt, die breite Hauptmagistralen, lange Sichtachsen, woran in der Folgezeit auch prächtige großzügige Bauten errichtet wurden.Sonst hätten wir in Berlin vor lauter Gässchen und Häuschen schon jetzt das Handtuch werfen müssen betreffs Lückenbau und dgl.

Ziel ist es, öffentliche Flächen bzw. brach liegende Grundstücke und Altgebäude zu erschließen, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und Altlasten in zügigen, unbürokratischen Verfahren verfügbar zu machen (Beispiel das ruinöse riesige Polizeigelände Cecilienstraße / Kornmandelweg in Berlin-Biesdorf-Nord), um so für eine Erweiterung der Infrastruktur zu sorgen.

Es darf keine Willkür herrschen, wenn Wohnungsbaugesellschaften auf ihrem eigenen Grund Hochäuser in die Innenhöfe setzen wollen, wo definitiv eine Einschränkung der Wohnqualität für die Anwohner entsteht (Grünflächenverkleinerung, Spiel- und Rastplätze sowie Baumbestandminimierung, eingeschränkte Sicht / Schatten, …Hier müssen die Bauämter gemeinsam mit dem Wohnungsamt Befugnisse haben dürfen, die eine stadtplanerische Gesamtsicht auf die Einwohnersituation inklusive der Straßen- und Parkplatznutzung im Auge behält.

Und wenn ein Wohnungsbauunternehmen in der Pflicht ist, soundso viele Neubauten zu errichten, wird es quasi gezwungen und kann sich an die Bedingungen vor Ort weniger gut anpassen. Das geht nicht. Hier müssen auch Frau Lompscher als Bausenatorin die Augen geöffnet werden, weil hier verheerende Auswirkungen bis über ihre Amtszeit hinausreichen werden.

Damit das Großstadtleben auch in den Randbezirken in 100 Jahren noch lebenswert bleibt, wo es jetzt im Innenstadtbereich zum Teil verheerend geworden ist, und das zu horrenden Mieten. Viele Menschen auf engem Raum sind noch nie eine gute Lösung gewesen. Ein Einbinden von Außenbezirken / Landregionen erscheint auf lange Sicht da geeigneter, vorausgesetzt die Verkehrs- und Arbeitsbedingungen sowie Infrastruktur wachsen in gleichem Maße mit. Öffentliches Verkehrsnetz, Schulen, Schwimmhallen, Gewerbegebiete,… das alles muss ein Stadtentwicklungskonzept über kurz UND lang im Fokus behalten, wenn es nicht im Chaos versinken will.

Hellersdorfer
Referenznr.: 2017-00442