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Variante 3, falls machbar

Die Brücke kommt weg, weil sie marode ist, das steht fest – die Frage ist, was kommt danach. Ein Neubau scheint ausgeschlossen, womit nach 40 Jahren endlich die Realität anerkannt wird: Ohne die ursprünglich geplante Hochstraße entlang der Schildhornstraße hat auch die Brücke über den Breitenbachplatz eigentlich keinen Sinn – bestenfalls verlagert sie einen möglichen Stau aus dem Tunnel auf die Brücke über den Platz. Aber dieser Stau, fast täglich auf der Rampe in Höhe Paulsenstraße zu besichtigen, zeigt das eigentliche Problem: die Schildhornstraße ist als ebenerdige Durchgangsstraße nicht geeignet, und schon gar nicht als „Abfluss“ für eine autobahnähnliche Stadtstraße (so der momentane Status der ehemaligen A104). Mit dem Wegfall der damals geplanten Hochstraße (die Anschlussstellen sind sowohl am Breitenbachplatz wie auch an der Tiburtiusbrücke noch erkennbar) fiel schon 1980 das Gesamtkonzept der Verkehrsführung durch die Schlange zur A103, die ja selbst nur ein Relikt der ursprünglich geplanten „Westtangente“ ist, in sich zusammen. Dass man nach den überholten Plänen trotzdem gebaut hat, ist wohl nur geschichtlich zu verstehen. Es wird also so oder so ein übergreifendes neues Verkehrskonzept benötigt – deswegen ist die Studie bei der Verkehrsverwaltung vorerst richtig angesiedelt. Aber Verkehrsplanung muss „der Stadt“ dienen, d. h. ihren Bewohnern. Wie das Quartier rund um den Breitenbachplatz aussehen soll, ist Sache der Stadtplanung und der Bürger, deswegen müssen sie gemeinsam die Konzepte entwickeln, nach denen sich dann die Verkehrsplanung richtet. Und dafür macht die Variante 3 am wenigsten Vorgaben, deswegen würde ich sie bevorzugen. Die momentane Studie soll zeigen, was machbar ist, warum sollte man sich also von Anfang an selbst beschränken? Der interessantere Teil kommt ohnehin erst danach: Wie soll unser Teil der Stadt in 10-30 Jahren aussehen? Denn früher wird mit Sicherheit nichts fertig. Das sagt uns aber auch, für wen hier geplant wird: Für die nächste Generation – wer das ist, weiß jeder aus seiner Sicht selbst am Besten. Welche Stadt möchten Sie also in 20 Jahren bewohnen oder Ihren Kindern/Ihren Enkeln hinterlassen? Aber auch: Für welche Teile dieser Stadt können Sie selbst Verantwortung übernehmen? Denn dass ein Grünflächenamt „uns die Stadt schön macht“, wird auch in Zukunft nicht funktionieren, neben Mitsprache werden wir auch aktive Beteiligung brauchen. Hoffnungsvolle Ansätze gibt es in einigen 50er-Jahre-Siedlungen, wo die Eigentümer den Bewohnern gestatten, aus dem Klassiker „räudige Wiese mit struppiger Hecke“ Anlagen zu gestalten, die denen gefallen, die dort wohnen. Warum sollte das nicht auch in größerem Maßstab funktionieren? Dass Begrünung ein wichtiges Element der neuen Gestaltung sein wird, zeigt die Statistik – Dahlemer Gartengrün ist schön, aber an öffentlichen (!) Grünanlagen hat vor allem der Ortsteil Steglitz weniger als die Stadtmitte von Berlin. Und weil niemand genau weiß, wie die Welt in 20 Jahren aussieht, sollte auch die Planung eher flexibel und kleinteilig („agil“) sein als an einem ideologisch begründeten „großen Wurf“ ausgerichtet, wie man es in den 1950ern so gerne gemacht hat. Meine Bitte an die jetzigen Planer: Lassen Sie so viele Optionen offen, wie es nur geht, um nicht die Stadtplanung schon vorab einzuschränken. Und meine Bitte an die Bewohner: Beteiligen Sie sich, aber denken Sie bitte über Ihre eigenen Gewohnheiten hinaus, denken Sie an die nächsten Generationen, denen die heutige Planung zugute kommen wird. Was wir jetzt planen und dann bauen, bestimmt das Bild unserer Stadt für mindestens 50 Jahre.

LutzP-Steglitz erstellt am
Referenznr.: 2021-10348