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Gute Pflege: Mehr als die Pflegeversicherung leisten kann

Digitalisierung und Pflege
Ich gehöre zur Altersgruppe 65plus.

Noch immer ist das Missverständnis weit verbreitet, die Pflegeversicherung sei eine ähnliche Vollkaskoversicherung wie die Krankenversicherung. Die Erkenntnis, dass die Pflegeversicherung nicht das Wünschenswerte, ja nicht einmal das Notwendige in vollständigem Umfang sicherstellen kann, kommt meist erst mit der eigenen Pflegebedürftigkeit oder der eines Angehörigen. Dies ist nicht ein bedauerlicher Mangel der Pflegeversicherung, der demnächst behoben wird, sondern strukturell gewollt und aus volkswirtschaftlichen und Gründen der Beitragsgerechtigkeit und -belastung auch kurzfristig nicht zu ändern

An vielen Stellen relativiert dieser Fakt die (zu) weit gehenden Forderungen nach (immer) mehr Personal und Leistungen in der Pflege. Statt dessen braucht die Pflege neben den Leistungen der institutionellen Pflege - ambulant wie stationär - eine weitere Säule: Die familiäre, nachbarschaftliche und freundschaftliche Pflege, die das Notwendige ergänzt und das Wünschenswerte zumindest zum Teil leistet. Personenbezogene Sorge, die die Biografie der Pflegebedürftigen kennt, Zugewandtheit und zweckfreie Zeit, die keinem Abrechnungsdruck unterliegt, einfache und eingeübte (zusätzliche) Pflegeleistungen und anderes mehr sind die Leistungen, die zivilgesellschaftlich erbracht und zu den institutionellen Leistungen hinzutreten müssen, damit wir im Ganzen zu einer ganzheitlichen guten Pflege gelangen.

Die Voraussetzungen hierfür lassen sich nicht alleine im System der Pflege sicherstellen. Wer ein Leben lang nach dem Grundsatz lebte "Ich brauche niemand und ich kümmere mich um niemand", darf sich bei Pflegebedürftigkeit nicht wundern, wenn ihm nur Leistungen zur Verfügung stehen, die gegen "Satt-sauber-trocken-warm-sicher" tendieren. Ob ich im Alter, in der Pflege alleine sein werde, entscheidet sich nicht im Moment der Pflegebedürftigkeit, sondern spätestens ab dem dritten Lebensjahrzehnt, wenn es um den Aufbau langfristiger guter und belastbarer Beziehungen geht, in die ich auch ausdrücklich investiere - nicht (nur) um meiner Alterseinsamkeit vorzubeugen, sondern um das Leben anderer und das meine reicher zu machen.

Doch auch wer lebenslang Beziehungen gepflegt hat, kann im Alter alleine dastehen. Weggefährten sterben, Kinder ziehen weg, Freundschaften verlaufen im Sand, Partner*innen entfremden sich. Es genügt deshalb nicht eine Solidarität, die sich um "die eigenen Leute" kümmert, sondern wir brauchen eine Solidarität, die sich dem "Nächsten" zuwendet und auf ihn baut, d.h. den jeweils, auch nur vorübergehend erreichbaren nächsten Menschen, der z.B. unsere Hilfe braucht. Das ist keine Garantie, wohl aber eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass im Rahmen einer entsprechenden sozialen Kultur auch andere mich im entscheidenden Moment als "ihren" Nächsten ansehen.

Eine solche Solidarität kann Politik nicht verordnen, aber sie kann die Bedingungen ihrer Möglichkeit verbessern, durch ein ausdrückliches öffentliches Bekenntnis zu einer solchen Solidarität, durch die Bereitstellung von Räumen und Zonen der Begegnung, durch die Unterstützung solidaritätsfördernder Organisationen usw. Und sie kann sich als Bündnispartner für gesellschaftliche Organisatioen anbieten, die ein solches Verständnis von Solidarität fördern.

Bei einem solchen Solidaritätsbegriff muss freilich folgendes klar sein: Solidarität ist nicht (nur) die Verbindung von gleich Starken und Bedürftigen (Ich helfe Dir, damit Du mir hilfst), wahre Solidarität kalkuliert nicht nach dem eigenen Nutzen, sondern nach dem Bedürfnis des Belasteten (Ich helfe Dir, weil Du mich brauchst; ob ich Dich je brauchen werde und ob Du mir dann helfen kannst, ist noch offen). Dass bei einer hinreichenden Anzahl von solidarischen Menschen im Ergebnis - wenn nicht allen, so doch den meisten - im Fall des Falles Hilfe zur Verfügung steht, ist gewissermaßen der nicht erzwingbare Mehrwert von Solidarität. Hier geht es um eine freiwillige, gesetzlich nicht erzwingbare Solidarität, anders etwa als bei der Pflichtsolidarität der Sozialversicherungen.

Diese Solidarität braucht als freiwillige kein Gesetz, sondern ein Ethos. Das kann sich nur bilden und verbreiten, indem es erkennbar vorgelebt wird und sich als erfolgreich erweist. Dies zu bejahen, (öffentlich) anzuerkennen und energisch gegen den "Kult um das eigene Ich" zu propagieren, beispielhaft zu fördern und punktuell erlebbar zu machen, kann eine gemeinsame Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft sein.

Jun
Referenznr.: 2020-07775